Mit Social Media zu mehr Transparenz und Partizipation in Genossenschaftsbanken

VR Bank Logo Anders als bei den Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften, zu denen jeder Aktionär eingeladen wird, haben zu den Vertreterversammlungen vieler Genossenschaftsbanken nicht alle Mitglieder, sondern nur einige wenige (gewählte) Vertreter Zutritt. Social Media Anwendungen könnten hier in Zukunft für mehr Information, Transparenz und Partizipation der übrigen Mitglieder sorgen. Und damit auch zu einer Wiederbelebung von genossenschaftlichen Kernprinzipien. Stehen wir am Anfang einer neuen Entwicklung?

GLS Bank twittert

Am vergangenen Freitag und Samstag fand die jährliche Versammlung der GLS Gemeinschaftsbank in Bochum statt. Auch wenn sie als sozio-ökologisches Kreditinstitut eine gewisse Sonderstellung einnimmt, gehört sie doch zur genossenschaftlichen Finanzgruppe und wird aktuell an 58. Stelle der BVR-Liste geführt. Die GLS hat für ihre Versammlung eine Twitterwall eingerichtet. Über den Hashtag #glsmv11 konnten Twitter-User so Informationen aus der Versammlung erhalten und auch selbst Anmerkungen schreiben.

GLS Twitterwall
GLS Twitterwall

Auch wenn die 140 Zeichen eines Tweets sicher nicht ausreichen, um eine intensive Diskussion zu führen, ist dies ein schönes Beispiel für den Versuch, auch nicht teilnehmende Mitglieder (und die Öffentlichkeit) an der Versammlung via Twitter teilhaben zu lassen.

Wichtig dabei ist zu wissen, dass die GLS Bank keine Vertreterversammlung, sondern eine Generalversammlung veranstaltet. Sie lädt also, im Gegensatz zu sehr vielen Volksbanken und Raiffeisenbanken, alle Mitglieder ein, vor Ort an der Versammlung teilzunehmen. Dennoch ist der Twitter-Ansatz der GLS durchaus interessant, da sie bundesweit agiert und es schon deshalb nicht jedem Mitglied möglich sein wird, an der Versammlung in Bochum persönlich teilzunehmen.

Volksbank Bühl schaltet Livestream

Die im Social Media-Bereich immer wieder sehr innovative Volksbank aus Bühl (übrigens die Nr. 166 auf der bereits erwähnten BVR-Liste) hat anlässlich ihrer diesjährigen Vertreterversammlung am 30.5. einen Livestream im Internet eingeführt. Ein Hinweis darauf erfolgte z.B. auf ihrer Facebook-Seite.

Volksbank Buehl Facebook
Livestream-Ankündigung der VB Bühl auf Facebook

Jeder, der wollte, konnte also die Vertreterversammlung live im Internet verfolgen. Dies ist ein sehr schöner Ansatz für mehr Transparenz. Leider aber eben auch nur für mehr Transparenz, nicht jedoch für mehr Dialog, denn ein Livestream ist ähnlich wie fernsehen: Man kann zuschauen, aber nicht mitmachen. Während wir vor dem Fernseher jedoch immerhin sogar schon den „Wettkönig“ wählen können, fehlt beim Livestream der Volksbank-Versammlung noch der „TED“ zum Mitmachen. Als mögliches Medium dafür denke ich allerdings weder an das Telefon, noch an Twitter…

In einem Tweet der Volksbank Bühl vom 30.5. ist zu lesen, dass man beim nächsten Mal versuchen werde, den Ton des Videos besser zu steuern. Offenbar gab es hier wohl noch ein paar technische Probleme. Noch schöner wäre es allerdings, wie bereits angedeutet, künftig auch die Dialogmöglicheiten weiter auszubauen. Denn auch die -im Bereich des Social Web wirklich sehr auf Dialog ausgerichtete- Volksbank Bühl organisiert ihre jährliche Versammlung noch immer in Form einer Vertreterversammlung. Das heißt, außer den gewählten Vertretern ist auch bei dieser innovativen Volksbank für die weiteren (über 39.000) Mitglieder bislang noch kein direkter Dialog im Rahmen der Veranstaltung möglich.

Dass eine virtuelle Mitgliederversammlung allerdigs keine Utopie mehr sein muss, zeigt der Artikel „Generalversammlung im Netz“ im genossenschaftlichen Fachmagazin BankInformation (Ausgabe 2/2011, S. 78-79) am Beispiel der Hostsharing eG, eines genossenschaftlich organisierten Webhosts aus Hamburg.

Social ohne Media: Volksbank Mittelhessen

Gänzlich anders agiert die in Gießen ansässige Volksbank Mittelhessen (Nr. 9 der BVR-Liste, und damit eine der ganz großen Volksbanken in Deutschland). Zwar wird auch bei ihr eine Vertreterversammlung durchgeführt, zusätzlich aber organisiert die Bank noch etliche weitere Veranstaltungen mit ihren Mitgliedern an diversen Standorten im Geschäftsgebiet.

Immer ist bei diesen Treffen auch ein Mitglied des Vorstands vor Ort, das den Mitgliedern Auskunft über die Entwicklung ihrer Bank gibt und für Fragen, Anregungen und Kritik zur Verfügung steht. Das ist natürlich Dialog LIVE, allerdings auch sehr aufwändig. Scheinbar aber auch sehr erfolgreich, wie man einem Interview mit deren Vorstandssprecher, Dr. Peter Hanker, auf dessen Website entnehmen kann.

So ganz stimmt die letzte Überschrift freilich nicht, denn auch die Volksbank Mittelhessen betreibt mit dem Mehrhaberblog eine Social Media-Anwendung. Das Besondere an diesem  Weblog ist allerdings, das es explizit auf die Mitglieder der Bank ausgerichtet ist (und nicht allgemein auf alle Kunden). Hier wird die aktive Wahrnehmung des Mitglieder-Förderauftrages durch die Volksbank also schon sehr deutlich sichtbar.

Fazit

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die drei beispielhaft genannten Genossenschaftsbanken mit Twitter, Livestream oder Mitglieder-Blog erste interessante Ansätze für mehr Dialog und/oder Transparenz im Beziehungsmanagement zu ihrer mit Abstand wichtigsten Bezugsgruppe, den Mitgliedern,  zeigen, auch wenn ein weiterer Ausbau ganz sicher wünschenswert und auch erforderlich ist. Der Anfang einer neuen Entwicklung ist jedoch bereits sichtbar. Die Herren Raiffeisen und Schulze-Delitzsch würden sich vermutlich freuen.

Ich hingegen freue mich auf Anmerkungen, Kommentare und vielleicht auch eine interessante Diskussion hier im Blog zu diesem spannenden Thema. Und natürlich freue ich mich auch über Hinweise zu ähnlichen Beispielen aus dem Genossenschaftssektor, die mir womöglich bislang noch nicht bekannt sind.

Lesen Sie auch hier im Blog: Chancen der Online-Kommunikation im Kundenbindungsmanagement von Genossenschaftbanken

Literatur-Tipps zum Thema:


Bildquellen: eigenes Foto, eigene Screenshots

5 Gedanken zu „Mit Social Media zu mehr Transparenz und Partizipation in Genossenschaftsbanken“

  1. Hallo Herr Schubert,

    herzlichen Dank für die Erwähnung in Ihrem Blog-Beitrag. Über die von Ihnen angedeuteten Interaktionsmöglichkeiten mit Mitgliedern denken wir bereits nach. In einem Blog Beitrag von einem meiner Kollegen finden sich neben den Erfahrungen aus einer technischen Perspektive auch ein paar kurze Gedanken in welche Richtung wir hier denken: http://blog.volksbank-buehl.de/2011/06/15/livestream-erfahrungsbericht-ausblick/

    Viele Grüße aus Bühl,
    Franz Welter

  2. Hallo Herr Welter,

    vielen Dank für Ihren Beitrag und ebenfalls vielen Dank für den Link zu dem lesenswerten Artikel in Ihrem Blog. Sowohl die Darstellung Ihrer Erfahrungen mit dem ersten Livestream, als auch Ihre Ideen für eine stärkere Integration und Partizipation Ihrer Mitglieder bei künftigen Versammlungen finde ich sehr interessant.

    Ich denke, am Ende der Entwicklung könnte tatsächlich eine virtuelle Mitgliederversammlung stehen, bei der auch die Teilnahme an den Abstimmungen möglich ist. Dank der technischen Möglichkeiten könnte das Organ der Vertreterversammlung damit in Zukunft sogar überflüssig, und dadurch die Mitgliederdemokratie wieder lebendiger und erlebbarer werden.

    Beste Grüße aus Berlin

    Matthias Schubert

  3. Eine interessante Entwicklung, die dort stattfindet. Jetzt setzen selbst Banken auf Social Media? An sich ja eine gute Idee. Schließlich sind Twitter, Facebook & Co. ein ideales Mittel zur Kundenbindung. Es ist lediglich wichtig, interessante Inhalte zu posten, die die Leser/Follower auch wirklich interessieren. Da müssen vor allem Banken kreativ sein. 😉

    VG

  4. Hallo sehr geehrte Diskutanden,
    vielen Dank für die bisherigen Recherche-Ergebnisse und den Artikel. Ich stimme voll zu, dass das Transparenz- und Demokratie- bzw. Beteiligungsdefizit der Mitglieder in Genossenschaften nicht mehr zeitgemäß ist, angesichts immer stärkerer Forderungen direktdemokratischer Elemente auch in der „großen“ Politik. Denn sozial-wirtschaftlicher und sogar Gemeinwohl-Anspruch der Genossenschaften verträgt sich immer weniger mit diesen Defiziten.

    Man kann aber auch bevor die digitalen Möglichkeiten einer direkten Beteiligung aller Genossenschaftsmitglieder an Versammlungen so weit wie nötig fortgeschritten sind, sie schon mit konventionellen Mitteln
    1. transparenter laufend informieren,
    2. untereinander und mit den Leitungsgremien offen diskutieren und
    3. so an/über wichtige/n Entscheidungen der Genossenschaft, wenn schon nicht direkt entscheiden, so doch zumindest mitwirken lassen (wie im Artikel beschrieben, es durch manche Bank-Genossenschaft ausnahmsweise schon geschieht – Ausnahmen bestätigen aber leider die bisherige unrühmliche Regel).
    Ist die Bereitschaft und der Wille dazu einmal „konventionell“ umgesetzt, wird die digitale Umsetzung im Anschluss daran nur noch eine Form- und Technik-Sache sein. Allerdings sehe ich die größere Schwierigkeit bisher, weniger in den technischen Unzulänglichkeiten als in der fehlenden Bereitschaft bestehender genossenschaftlicher Leitungsgremien, die bisher so ungewohnte Transparenz, Information, offene Diskussion und direktdemokratische Beteiligung aller Mitglieder überhaupt zu erlauben (auch wenn es eigentlich umgekehrt von der Mitgliederschaft ausgehend sein sollte). In mancher Bank-Genossenschaft wird gegen Mitglieder oder sogar gewählten Vertretern anwaltlich und gerichtlich durch diese Leitungsgremien vorgegangen, wenn diese Mitglieder es zu versuchen wagen, der Mitgliederschaft kritische Punkte zu diesen Verhältnissen im Zuge von Vertreterwahlen mitzuteilen (Informationen aus Vertretrversammlungen an die Mitglieder zu geben, über die offiziellen Verlautbarungen werden Vertretern sowieso untersagt). An diesen Stellen muss eine Öffnung der bisher oft als „geschlossene Zirkel“ agierenden Leitungsgremien stattfinden, bevor nur noch technisch-digitale Hindernisse aus dem Weg zu räumen sind. Hier ist die Hauptbaustelle der Genossenschaften-Demokratisierung und weniger an der „digitalen Front“. Sonst lässt man sich von dem zu lösenden Hauptdemokratisierungsproblem zu leicht ablenken.

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