Crowdfunding der Volksbank Bühl: Raiffeisen reloaded?

volksbank_crowdfunding„Was einer alleine nicht schafft, dass schaffen viele“.  Diese Worte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, einem der Gründerväter der genossenschaftlichen Idee, sind berühmt.  Der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken nimmt die Worte auf und wirbt mit „Viele schaffen viel“ für die genossenschaftliche Idee. Noch einen Schritt weiter geht derzeit die Volksbank Bühl, die unter dem Motto „Viele schaffen mehr“ eine Crowdfunding-Plattfom gestartet hat. Aber erleben wir hier tatsächlich ein „Raiffeisen 2.0“?

Crowdfunding und die genossenschaftliche Idee

In seinem wirklich sehr empfehlenswerten Artikel „Crowdfunding als genossenschaftliches Prinzip“ in dem Buch Finanzdienstleister der nächsten Generation hat mein Blogger-Kollege Boris Janek den Bezug zwischen dem modernen Prinzip des Crowdfunding und der guten alten genossenschaftlichen Idee nachvollziehbar und mit vielen interessanten Beispielen hergeleitet. Und tatsächlich: beim Crowdfunding tun sich, vereinfacht gesagt, viele Menschen zusammen, um beispielsweise ein Projekt gemeinsam zu finanzieren. Der Bezug zur genossenschaftlichen Idee ist – auf den ersten Blick – sehr naheliegend:

Entwicklungsgeschichtlich gesehen sind Genossenschaften ein wirtschaftliches, aber eben auch soziales Gebilde, welches sich bereits entwickelt hatte, noch bevor überhaupt die Rechtsform der Genossenschaft geschaffen wurde. Die historischen Wurzeln der Idee bestehen darin, dass die wirtschaftliche Lage der Genossenschaftsmitglieder durch eine Bündelung der Kräfte verbessert werden soll. Diese gemeinsame Kraft entsteht aus dem Zusammenschluss von Individuen zu einer Genossenschaft.

Genossenschaften tragen dabei aufgrund ihrer Doppelnatur von Unternehmen und Mitgliederorganisation gleichzeitg auch zum Aufbau von sozialem Kapital bei und übernehmen dadurch auch eine sozialpolitische Funktion. Sowohl für Hermann Schulze-Delitzsch, als auch für Friedrich Wilhelm Raiffeisen waren die sozialen und wirtschaftlichen Motivlagen beim Einzelnen, wie auch innerhalb der Mitgliedergruppe untrennbar miteinander verbunden. Gemeinsam sollte das erreicht werden, was der einzelne nicht schafft. Genau wie beim Crowdfunding. Oder etwa doch nicht so ganz?

Das Volksbank Bühl Crowdfunding-Projekt

Die Volksbank Bühl hat zwei Jahre nach der ersten Idee am 29. April ihre Crowdfunding-Plattform Viele schaffen mehr gestartet. Bis zum 16. Juni können dort  gemeinnützige Vereine und Institutionen aus dem Geschäftsgebiet der Volksbank Bühl Projekte anmelden. Dann geht es darum, möglichst viele Fans für das Projekt zu begeistern und natürlich so viele Spenden von diesen Fans einzusammeln, dass das Projekt realisiert werden kann. Im Blog der R+V-Versicherung erklärt Franz Sebastian Welter mehr über die Idee und das Projekt. Ein YouTube-Video der Volksbank Bühl erklärt zudem das Prinzip anhand von Beispielen:

Eine tolle Idee! Doch entspricht diese Plattform auch dem genossenschaftlichen Prinzip? Leider nein!

Mitgliedschaft wurde nicht berücksichtigt

Obwohl dem neuen Projekt der Volksbank Bühl  tatsächlich der Geist eines „gemeinsam mehr erreichen“ entspringt, der ja auch dem genossenschaftlichen Prinzip entspricht, hat es doch einen kleinen, aber entscheidenden Schönheitsfehler:

Projekte können bei „Viele schaffen mehr“ nur von gemeinnützigen Organisationen aus dem Geschäftsgebiet der Volksbank Bühl eingereicht werden. Soweit so gut: entspricht die neue Plattform damit doch dem Prinzip der Ortsnähe. Allerdings verlangen die Bedingungen weiterhin (leider) nur – und das ist der Knackpunkt – , dass diese ein Konto bei der Volksbank Bühl unterhalten, also Kunde der Bank sind.

Worauf ich hinaus will ist folgendes: es wird nur verlangt, Kunde der Genossenschaftsbank zu sein, nicht aber Mitglied. Und damit entspricht die ganze schöne Idee leider eben gerade nicht der genossenschaftlichen Idee. Denn dem kommunalen Gemeinwohl verpflichtet fühlen sich (gerade) auch die öffentlich-rechtlichen Sparkassen. Es spricht wirklich für das Projekt, dass nur gemeinnützige Vereine und Institutionen daran teilnehmen dürfen. Nach dem genossenschaftlichen Prinzip wäre das aber gar nicht nötig:

Genossenschaften sind nicht gemeinnützig

Eine Genossenschaft hat ihre Mitgliederförderung mittels gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebs mit den Mitgliedern zu betreiben. Das genossenschaftliche Prinzip der Selbsthilfe besagt dabei, dass durch den freiwilligen Zusammenschluss von Individuen in einer Genossenschaft die ökonomischen Bedingungen der Mitglieder verbessert werden sollen. Die Verbesserung resultiert dabei nicht aus der Mitgliedschaft alleine, sondern aus der organisatorischen Einbindung privatnützig handelnder Menschen in eine Gemeinschaft.

Zwar sollte selbst schon für Raiffeisen eine selbstorganisierte, aber auch karitativ organisierte Genossenschaft auch die moralische Fortentwicklung der Mitglieder bezwecken. Neben der Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Mitglieder sollte der Förderauftrag auch die ländliche Lebensqualität und den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft stärken. Doch die Förderung erfolgt ausschließlich für und durch die Mitglieder. Nur-Kunden werden dabei, ganz deutlich gesagt, tatsächlich ausgeschlossen. Bei jedem gewöhnlichen Kundenclub oder auch dem ADAC ist das allerdings ganz genauso: Bin ich drin, profitiere ich von den Vorteilen, bin ich nicht drin, profitiere ich nicht.

Fazit

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich finde die Crowdfunding-Idee der Volksbank Bühl wirklich ausgesprochen gut gelungen und spannend. Die Volksbank Bühl ist wirklich eine der ganz wenigen Genossenschaftsbanken, die sich ernsthaft und praktisch darüber Gedanken machen, wie man sich der genossenschaftlichen Idee mit Hilfe moderner Medien wieder stärker annähern kann. Dafür verdient sie großes Lob und viel Respekt!

Schade ist einzig und allein, dass eine ganz simple Beschränkung auf die Mitglieder (sowohl auf der Projekteinreicherseite als auch auf der Geberseite) ausgereicht hätte, um wirklich dem genossenschaftlichen Prinzip zu entsprechen. So hätte die Crowdfunding-Plattform einen echten Mehr-Wert (nur) für die Mitglieder geschaffen, Exklusivität hergestellt, das „Wir“-Gefühl gestärkt und die Bedeutung der Mitgliedschaft herausgestellt.

Nicht umsonst habe ich in meinem neuen Buch Chancen und Grenzen der Online-Kommunikation im Kundenbindungsmanagement von Genossenschaftsbanken einzig und allein darauf abgestellt, wie mittels Online-Kommunikation Werte für die Mitglieder von Genossenschaftsbanken geschaffen werden können.  Und eben nur für die Mitglieder, weil sich gerade daraus enorme Chancen für die (Mitglieder-) Kundenbindung ergeben.

Dadurch, dass aber auch jeder „Nur-Kunde“ der Volksbank Bühl Projekte einreichen kann (und wohl auch jeder spenden kann), wird leider (wie so oft) die Mitgliedschaft verwässert und das ganze Projekt relativ austauschbar. Es könnte im nächsten Jahr auch von der örtlichen Sparkasse kopiert werden. Das Alleinstellungsmerkmal „Mitgliedschaft“ wurde nicht genutzt. Schade.

Literatur-Empfehlungen zum Thema Genossenschaftsbanken:

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Bildquelle dieses Artikels: © Matthias Schubert (Blogbetreiber)

7 Gedanken zu „Crowdfunding der Volksbank Bühl: Raiffeisen reloaded?“

  1. Hallo Herr Schubert,

    erstmal vielen Dank für Ihren tollen Artikel. Wir haben zu Beginn die Mitgliedschaft nicht als Kriterium gemacht, weil wir die Reichweite nicht weiter beschränken wollten. Wir sehen die Reichweite als kritischen Erfolgsfaktor für unsere regionale Crowdfunding Plattform und wissen selbst noch nicht so genau, ob unser Geschäftsgebiet groß genug für eine eigene Crowdfunding-Plattform ist. Das ein Konto bei uns geführt werden muss (ein Konto des Projektinitiators oder der gemeinnützigen Organisation) hat viel mit Geldwäsche zu tun und erleichtert uns vor allem den Legitimationsprozess.

    Über die Kombination von Mitgliedschaft und Viele-schaffen-mehr.de haben wir uns allerdings schon Gedanken gemacht. Hier sind verschiedene Ansätze in der Diskussion. Aber vorerst wollen wir schauen, ob unsere Plattform angenommen wird und ob die Zeit reif ist für eine regionale Crowdfunding Plattform ist.

    Beste Grüße aus Bühl,
    FSW

  2. Hallo Herr Schubert,

    Ihr Artikel gefällt mir eigentlich ganz gut. Es ist schön, dass Sie das Thema aufgenommen haben und durchaus positiv bewerten. Wie Franz Welter schon schreibt, mussten wir uns für einen praktischen Weg entscheiden. Schließlich sind wir die erste Bankengruppe, die sich an das Thema heranwagen. Wir haben jedoch eine Vision, die weit über das hinaus geht, was Sie heute bei der Volksbank Bühl sehen. Diese Vision kann jedoch nur über kleine pragmatische Schritte erreicht werden, zumal es sich bei den Volksbanken Raiffeisenbanken um ein seit mehr als 150 Jahre existierendes Gebilde handelt, dessen Geschäftsmodell zumindest aktuell noch recht gut funktioniert. Wie vorsichtig hier grundsätzliche Veränderungen angestoßen werden müssen, können Sie sich sicher vorstellen.

    Warum haben wir also diesen Weg gewählt?

    1. Das Thema crowdfunding ist in der Fläche, vor allem bei nicht ständig in der digitalen Welt agierenden Menschen noch kaum bekannt.
    2. Die Zielgruppe für das einstellen und unterstützen von Projekten sollte möglichst groß sein.
    3. Wir wollten Erfahrungen sammeln, die gibt es für diesen speziellen Ansatz nämlich noch nicht.
    4. Das Thema Mitgliedschaft ist in den Banken unterschiedlich positioniert und wird vor allem von Online Kunden noch nicht als wirklicher Mehrwert wahrgenommen. Das ist also eine weitere Baustelle, mit der wir dieses Projekt nicht belasten wollten
    5. Wir wollten früh dran sein, was einen gewissen Pragmatismus erfordert
    6. Alle Banken sind in sich selbstständig, also haben wir das Vorgehen auch so gestaltet, dass sich möglichst viele Banken darin wieder finden.

    Über einen weiteren Gedankenaustausch, Inputs und auch Vorschläge würde ich mich sehr freuen.

    Hinzufügen möchte ich aber auch noch, dass es einer mutigen und fortschrittlichen Bank bedarf, um so ein Projekt zu starten. Ohne die Volksbank Bühl, die nicht nur umsetzt sondern aktiv gestaltet, wäre das gar nicht möglich gewesen und nun warten und hoffen wir auf den Erfolg in einer leider auch nicht so offenen und eher konservativen Gesellschaft (Deutschland)

    Grüße von unterwegs
    Boris Janek

  3. Hallo Herr Welter, hallo Herr Janek,

    vielen Dank für Ihre Beiträge und Erläuterungen. Selbstverständlich kann ich nachvollziehen, dass Sie sich mit Viele-schaffen-mehr auf ein neues Terrain begeben und daher erst Erfahrungen gemacht werden müssen und eventuell auch weitere Anpassungen erforderlich sind.

    Wie schon im Beitrag geschrieben, sehe auch ich es so, dass die Volksbank Bühl ein bemerkenswerter Vorreiter und auch ein Vorbild darin ist, wie sich eine Primärbank auch online dem Thema „Genossenschaftliche Idee“ immer weiter annähern kann. Auch die Aktion „Wir spenden, du verteilst“ und die Übertragung der Vertreterversammlung per Livestream waren ja schon gute Ansätze in diese Richtung. Dass wir von der virtuellen Generalversammlung mit Online-Stimmabgabe noch ein Stück entfernt sind, ist mir klar. Aber auch dieses Theme ist natürlich weiterhin spannend und könnte der vielfach vorherrschenden Mitgliederapathie entgegenwirken.

    Dass ich immer wieder so stark auf das Thema „Mitgliedschaft“ abstelle, liegt an der Erfahrung, dass die meisten Geno-Banken (und damit ist nicht die VB Bühl gemeint) im ersten Atemzug zwar noch zumeist auf das „genossenschaftlichen Prinzip“ eingehen, in den weiteren Auführungen dann aber meist ganz schnell nur noch von Kunden reden, nicht aber von Mitgliedern. Bei über 30 Millionen Kunden, aber nur rund 17 Millionen Mitgliedern sollte doch aber alles dafür getan werden, dass möglichst auch die andere Hälfte der Kunden Mitglied wird.

    Das geht nach meiner Überzeugung nicht über den Weg, dass man Mitgliedern und Kunden das gleiche bietet und die Mitgliedschaft mehr oder weniger auf die Dividene reduziert. Nehmen Sie diesen Beitrag daher bitte als einen Versuch, das Thema Mitgliedschaft immer wieder auch auf die Agenda zu setzen. Es ist nun mal das nicht kopierbare Alleinstellungsmerkmal der genossenschaftlichen Bankengruppe.

    Umso mehr freut es mich, Herr Welter, von Ihnen zu hören, dass Sie bereits darüber diskutieren, wie man solche Projekte künftig stärker mit der Mitgliedschaft verknüpfen kann. Mir fällt dabei sofort das Thema „Exklusivität“ ein, also Leistungen, die eben nur für (und durch) Mitglieder erbracht werden. Eventuell sogar in einem geschlossenen Online-Bereich, der nur den Mitgliedern zu Verfügung steht. Positives Word-of-Mouth kann dabei von den begeisterten Mitgliedern dennoch entstehen und Nur- und Nicht-Kunden dazu bewegen, ebenfalls Mitglied zu werden.

    Wie gesagt, ich finde die Ansätze und die Umsetzung toll und sehe Sie grundsätzlich auf dem richtigen Weg. Ich würde mich freuen, Herr Janek und Herr Welter, mich künftig stärker in Ihre Diskussionen einbringen zu können. Vielleicht besteht ja die Möglichkeit, auf einem der nächsten Geno-Barcamps die Diskussion weiterzuführen. Über eine Einladung würde ich mich jedenfalls sehr freuen.

    Ich wünsche dem Projekt „Viele-schaffen-mehr“ auf jeden Fall schon jetzt ganz viel Erfolg!

    Beste Grüße

    Ihr Matthias Schubert

  4. Als Österreicher kann ich nicht für deutsche Genossenschaftsbanken sprechen, die Gedanken über die Reichweite von Hrn. Welter kann ich aber nachvollziehen.
    Auch bei unseren Genossenschaftsbanken kommt erst nach und nach (vor allem auch mit einem Blickwinkel auf die Eigenkapitalausstattung) der Gedanke auf, sich mehr um wirkliche Genossenschaftsmitglieder zu bemühen.
    Wir in der Volksbank Süd-Oststeiermark sind unter den Volksbanken Österreichs dabei „ziemlich gut drauf“ – bei rund 40.000 zu verwaltenden Konten haben wir über 20.000 Mitglieder.
    Noch ein Buchtipp: Ich habe mich in meiner Master Thesis im vorigen Jahr ja genau mit diesem Thema auseinandergesetzt:
    http://goo.gl/Cx05u bzw. http://goo.gl/PuVhC

    1. Hallo Herr Koch,

      vielen Dank für Ihren Beitrag. Natürlich finde ich es ausgesprochen interessant, auch die österreichische Sicht kennenzulernen. Vielen Dank auch für den Hinweis auf Ihr Buch, das sicher auch für die Leser dieses Artikels als weiterführende Lektüre von Interesse ist.

      Beste Grüße

      Matthias Schubert

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