Die Doppelnatur der Genossenschaft

RuderbootRoman Herzog sagte 1998: “Der Genossenschaftsgedanke ist heute so funkelnagelneu wie vor 150 Jahren. Man müsste ihn erfinden, wenn er nicht bereits erfunden wäre”. Besser kann man es kaum formulieren, denn die genossenschaftlichen Werte und Prinzipien korrespondieren auch heute wieder stark mit der kulturellen Wertelandschaft in Deutschland.1

In dieser Folge der Artikelserie Genossenschaftsbanken werden einige Basics beleuchtet und die Frage beantwortet: Was sind Genossenschaften?

Kooperationsform mit langer Tradition

Genossenschaften sind die älteste Kooperationsform der Wirtschaftsgeschichte. Ihre Historie geht zurück bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Ursprünglich aus der Not heraus als Selbsthilfevereine entstanden, haben sich die Genossenschaften im Laufe der Zeit und veränderten Bedingungen heute zu Marktgenossenschaften gewandelt. Sie sind weder staatliche noch gemeinnützige Organisationen, sondern stellen auch heute noch einen freiwilligen Zusammenschluss von Unternehmen oder Menschen dar, die als Mitglieder der Genossenschaft ein gemeinsames Ziel erreichen wollen.2

Das Mitglied ist Kunde, Eigentümer und Entscheidungsträger

Die Besonderheit von Genossenschaften besteht insbesondere darin, dass ihre Mitglieder sowohl Eigentümer, als auch Leistungs- und Entscheidungsträger in einer Person sind. Diese Personalunion von Kunde und Mitglied wird als Identitätsprinzip bezeichnet und unterscheidet Genossenschaften maßgeblich von anderen Organisationsformen. Während beispielsweise Großbanken ihren Investoren verpflichtet sind („Shareholder Value“) und öffentliche-rechtliche Sparkassen die Interessen ihres kommunalen Trägers berücksichtigen müssen, sind Genossenschaftsbanken (Volks-, Raiffeisen-, Spardabanken u.a.) einzig und allein ihren Mitgliedern (die gleichzeitig ihre Kunden sind) gegenüber verpflichtet.3

Diese Mitglieder haben sie, per gesetzlichem Auftrag (§ 1 GenG), wirtschaftlich (bzw. sozial und kulturell) zu fördern. Der Förderauftrag ist somit der einzige Zweck, den Genossenschaften zu erfüllen haben.

Umsatz- und Eigenkapitalrendite sind keine genossenschaftlichen Ziele

TeamDer genossenschaftliche Erfolg bemisst sich daher einzig und allein an der Erfüllung der Förderung der Mitglieder, nicht aber an Kennzahlen wie Eigenkapital- oder Umsatzrendite. Das bedeutet nicht, dass genossenschaftliche Kooperationen aus altruistischen Gründen erfolgen, um ökonomischen Gesetzen zu entgehen, oder ohne Gewinn zu bleiben.

Effizientes Wirtschaften ist auch für Genossenschaften die Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit und langfristigen Erfolg. Das Erzielen von Gewinnen ist jedoch keinesfalls ihr Selbstzweck, sondern allenfalls eine „strenge Nebenbedingung“.4 Da die Genossenschaft keine weiteren Anspruchsgruppen befriedigen muss, kann sie (nachdem sie den betriebswirtschaftlich notwendigen Gewinn erwirtschaftet hat), dem Prinzip der Uneigennützigkeit folgen.3

Der Kern der genossenschaftlichen Idee besteht also darin, durch Zusammenarbeit mehr zu erreichen, als es alleine möglich wäre, wie es auch der viel zitierte Satz von F.W. Raiffeisen (1818 – 1888) zum Ausdruck bringt:

„Was dem einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele“

Genossenschaften sind soziale Netzwerke

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Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung sind die drei genossenschaftlichen Grundprinzipien: sie besagen, dass durch den Zusammenschluss in der Genossenschaft die ökonomischen Bedingungen der Mitglieder verbessert werden sollen, die Mitglieder das Geschäftsrisiko dabei alleine tragen und dass die Mitglieder ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten selbst regeln.

Das genossenschaftliche Modell enthält damit zwei verschiedene, wenn auch eng miteinander verbundene, Elemente, nämlich die Mitgliedergruppe als Personenvereinigung und den gemeinsamen Geschäftsbetrieb. Es verbindet also Personen und ökonomische Ziele miteinander. Die wirtschaftliche Zielsetzung kann erst durch die Vereinigung ihrer Mitglieder und deren aktiver Beteiligung verwirklicht werden. Genossenschaften sind also einerseits Wirtschaftsbetriebe, haben aber andererseits auch soziale Merkmale, die in den genossenschaftlichen Prinzipien ihren Ausdruck finden.

Social NetworkDeshalb sind Genossenschaften auch durch soziologische und psychologische Merkmale gekennzeichnet. Die Struktur des Zusammenschlusses und Zusammenkommens von Menschen in einer Gruppe ist soziologisch geprägt. Die kollektive Mentalität, das „Wir-Gefühl“, als Geist der Genossenschaft, hingegen ist eher psychologisch geprägt. Für das Zusammenspiel von soziopsychologisch geprägter Struktur (Gruppe) und ökonomischer Zielsetzung (Förderung der Mitglieder), prägte Draheim bereits 1955 den Begriff der

Doppelnatur der Genossenschaft5

Diese Doppelnatur betont vor allem die Notwendigkeit der Berücksichtigung zwischenmenschlicher Beziehungen innerhalb der Mitgliedergruppe. Untrennbar miteinander verbunden sind der Organbetrieb und der Personenzusammenschluss also vor allem bei der Herstellung von Kooperationsbeziehungen zwischen den Mitgliedern. Die Genossenschaft hat dabei die Aufgabe, durch Zurverfügungstellung ihrer Netzwerkorganisation die Kooperation zwischen den Mitgliedern zu begünstigen. Über die Interaktion mit und innerhalb der Genossenschaft sollen so die Beziehungen zwischen den Mitgliedern ökonomisiert werden.6

Genossenschaften sind nicht nur Wirtschaftsbetriebe,

sondern auch soziale Gemeinschaften und Netzwerke

Dies gilt zumindest für die idealtypische Form der Genossenschaft. Mit dieser Erkenntnis wird aber auch bereits deutlich, dass die derzeitigen Mega-Themen Soziale Netzwerke im Internet,  Social Communities, Kollaboration und Crowdsourcing in einem engen Einklang mit den genossenschaftlichen Prinzipien und Werten stehen. Lesen Sie dazu auch den Artikel Chancen der Online-Kommunikation im Kundenbindungsmanagement von Genossenschaftsbanken hier im Blog.

Literaturempfehlungen zum Thema Genossenschaftsbanken:

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Quellen:

1 Vertrauen in Deutschland, Genossenschaftsblatt für Rheinland und Westfalen Nr. 4/2010, S. 9-10

2 Theurl, T.: Genossenschaftliche Kooperationen, in:Handbuch Franchising und Cooperation: Das Management kooperativer Unternehmensnetzwerke (2010), S. 71 – 105

3 Hammerschmidt, M.:Kundenbindung durch Mitgliedschaft in Genossenschaftsbanken (2003)

4 Schorr, G.: Der genetische Code der Genossenschaft, in: Genossenschaften zwischen Innovation und Tradition (2009), S. 1 – 10

5 Draheim, G.: Die Genossenschaft als Unternehmungstyp (1955)

6 Bolsinger, H.J.: Die Genossenschaft als Kooperation und Netzwerk, in: Zukunftsperspektiven für Genossenschaften (2006), S. 73 – 97

Bildquellen: Ruderboot: Dietmar Meinert/pixelio.de, Team/Einzelkämpfer: Gerd Altmann/pixelio.de, Social Network: GerdAltmann/pixelio.de

2 Gedanken zu „Die Doppelnatur der Genossenschaft“

  1. Hallo,

    guter Artikel. Besonders interessant der Aspekt, dass Genossenschaften die Aufgabe haben die Kooperation zwischen den Mitgliedern zu begünstigen. Wo findet das denn heute noch statt? Insofern liege ich wohl richtig mit meiner Forderung Rework Volksbanken Raiffeisenbanken.

    Mit freundlichen Grüssen
    Boris Janek

    1. Hallo Herr Janek,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Mit Ihrer Forderung liegen Sie vollkommen richtig. Wobei man natürlich auch nicht verkennen darf, dass sich die Bedingungen seit der Gründerzeit der Genossenschaften stark verändert haben. Deshalb auch der Hinweis auf die „idealtypische“ Genossenschaft. Dennoch ist im Kern der genossenschaftlichen Identität das alles natürlich auch heute noch vorhanden. Es muss nur modern interpretiert und umgesetzt werden.

      Mir ist bei meinen Recherchen aufgefallen, dass die Volksbank Mittelhessen, also sogar eine der größten Volksbanken in Deutschland, ein schönes Beispiel ist für stark mitgliederoriente Politik darstellt. Sie veranstaltet beispielsweise zusätzlich zu ihrer Vertreterversammlung sehr viele regionale Mitgliederversammlungen und ermöglicht schon dadurch ein Zusammenkommen ihrer Mitglieder. Auch das Blog der VB Mittelhessen ist ganz klar auf die Mitglieder der Bank ausgerichtet.

      In diesem Zusammenhang kann ich ein Interview des Bankmagazins mit Dr. Peter Hanker (Vorstand der Volksbank Mittelhessen) empfehlen, in dem er auch auf die große Bedeutung der Mitgliederorientierung eingeht. Ich denke die Maßnahmen dieser Bank gehen wirklich bereits in die richtige Richtung.

      Beste Grüße

      Matthias Schubert

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