Blick in die Zukunft: Retail Banking 2020

UBS_KurfuerstendammDas Jahr 2012 neigt sich dem Ende zu. Wie in jedem Jahr finden wir jetzt überall wieder Prognosen wie die Zukunft aussehen wird. Auch im Finanzmarketing-Blog wird ab heute ein kleiner Blick in die Zukunft gewagt. Allerdings beschränken wir uns dabei nicht nur auf das kommende Jahr, sondern gehen gleich ein wenig weiter ins Jahr 2020. Eine neue Studie von Ernst & Young und der Universiät St. Gallen hat dazu bewusst provokante Thesen aufgestellt und zeigt, wie Bankexperten diese einschätzen.

Das Studiendesign – Sechs Thesen

Die Studie betrachtet die Zukunft des Retail Banking für die Schweiz. Auch wenn dieser Bankenmarkt ganz sicher seine eigenen Besonderheiten hat, sind viele Probleme des schweizerischen Retail Banking mit denen in Deutschland und auch Österreich vergleichbar, so dass die Aussagen der Studie auch hier von Interesse sind.

In einem ersten Schritt haben Expertenteams von Ernst & Young und der Universität St. Gallen die Ausgangslage analysiert und daraus sechs bewusst pointiert formulierte Thesen abgeleitet, die die Entwicklung der Banken zeigen sollen, falls sie am Status quo festhalten. Diese Thesen wurden in einer Expertenumfrage im Sommer und Herbst 2012 den CEOs und Retailbanking-Leitern von 20 der größten schweizerischen Geschäftsbanken (Großbanken, Raiffeisenbanken, Kantonalbanken und Regionalbanken) vorgelegt und zur Diskussion und kritischen Würdigung gestellt.

Dieser Beitrag widemt sich zunächst den ersten beiden dieser Thesen. Im Januar 2013 werden in weiteren Artikeln hier im Blog die vier anderen Thesen vor- und zur Diskussion gestellt.

These 1: Das Retail Banking wird 2020 unprofitabel und strategisch uninteressant sein

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Geschlössene, bzw. zusammengelegte Bankfiliale

Die These leitet sich aus der Annahme ab, dass durch die gestiegene Aggressivität im Markt und durch weitere Regulatorien und dadurch steigende Kosten das Retail Banking in seiner heutigen Form nicht mehr profitabel betrieben werden kann.

Diese These wird von der Mehrheit der Experten abgelehnt. Vor allem aus strategischer Sicht bleibt das Retail Banking ihrer Meinung nach auch in Zukunft interessant. Zwar räumen sie ein, dass eine Vielzahl der Geschäftsverbindungen derzeit unprofitabel sind, sie sehen die Zukunft des Retail Banking aber dennoch positiv, da sie von wieder ansteigenden Zinsmargen ausgehen.

Die große Bedeutung des Retail Banking sehen die Bankexperten jedoch vor allem in der niedrigen Volatilität des Geschäfts und im engen Kontakt mit dem Kunden. Die Interaktionen mit den Kunden schaffen die notwendige Basis für Folgegeschäfte, wie bespielsweise im Anlagebereich. Handlungsbedarf besteht allerdings, da sich sonst die Kosten- und Ertragsschere weiter öffnen wird. Genannt wird hier beispielsweise eine erhöhte Transparenz hinsichtlich der Kostenstruktur. Nur wenn man genau weiß, was jedes Produkt kostet und welchen Beitrag der Kunde decken muss, kann kostendeckend gearbeitet werden.

These 2: Branchenfremde Konkurrenten bedrohen die Marktstellung zusätzlich

paypal_folderDie These speist sich daraus, dass das Internet und die Digitalisierung branchenfremden Konkurrenten den Markteinstieg (auch im Bereich der mobilen Zahlungen) ermöglicht, was zu einem Rückgang der Zahlungsverkehrsgebühren und gegebenenfalls auch zu einem Verlust der Kundenschnittstellen führt. Zusätzlich kann im Bereich der Konsumentenkredite durch Peer-to-Peer-Lending auf elektronischen Kreditmarktplätzen zusätzlicher Wettbewerb erwachsen.

Die Meinung der Fachleute aus den schweizerischen Banken ist hier so gespalten, wie bei keiner der anderen Thesen. Die meiste Zustimmung herrscht darin, dass Bankdienstleistungen grundsätzlich kein Unikat darstellen. Viele Experten glauben indes nicht, dass branchenfremde Konkurenten mittels neuer Technologien  eingessene Retailbanken in ihrer Existenz gefähren können.

“Ten years ago the consultants said to us that we had to scrap our branches and go straight to the internet. But I had heard those kinds of statements before with the credit cards and ATMs…I’m old enough to remember.” (Alfredo Sáenz, CEO Santander gegenüber dem britischen Magazin The Economist)

Auch gut informierte Patienten legen Wert auf die Diagnose des Arztes

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Goldene Zeiten für die Bankfiliale?

Das Zitat spiegelt in etwa auch die Argumentation der befragten Experten wider, wonach sich die Gewohneiten der Kunden nicht bis 2020 radikal ändern werden. Vielmehr zeige beispielsweise auch das Allfinanz-Konzept, das sich bis heute nicht vollständig durchgesetzt hat, das Beharrungsvermögen der gewachsenen Bankenstruktur. Selbst internetaffine Menschen suchten den menschlichen Kontakt und eine professionelle und persönliche Beratung in der Bankfiliale. Hier spielt vor allem das Bedürfnis nach Vertrauen und Sicherheit eine große Rolle. Dies sei vergleichbar mit einem gut informierten Patienten, der dennoch Wert auf die Diagnose seines Arzes legt.

Markteintrittsbarrieren

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…oder nur noch Internetbanken ohne Filiale?

Neuen Anbietern dürfte es den Experten zufolge aufgrund von Datenschutzbedenken zudem schwer fallen, sich wie Retailbanken zu positionieren. Kunden würden immer stärker darauf achten, wem sie ihre Daten zur Verfügung stellen, insbesondere wenn es sich um sensible Bankdaten handelt.

Unter der Annahme, dass sich die Bankaufsichtspflicht auch auf alle neuen Akteure ausdehnen wird, sehen die Experten zudem durch regulatorische Vorgaben eine Preisuntergrenze, die eine Dumpingpreispolitik branchenfremder Anbieter verhindern wird.

Schließlich wird auch eingewandt, dass die Akzeptanz der neuen Technologien alleine nicht genüge. Vielmehr müssten die Kunden auch bereit sein, dafür zu bezahlen. Sonst lohnt eine Innovation für neue Anbieter überhaupt nicht.

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Kommt die „Apple-Bank“?

Als Nachteil der elektronischen Kreditmarktplätze wird das derzeit geringe Vertrauen angegeben, sowohl hinsichtlich einer allfälligen Bewertung durch Ratingagenturen als auch hinsichtlich der mathematischen Modelle. Einige Institute sehen sie erst dann als ernsthafte Konkurrenz an, wenn etablierte Unternehmen, wie beispielsweise Apple, ein solches Konzept einführen würden.

Soviel zunächst zu den ersten beiden Thesen der Studie. Informationen zu den weiteren Thesen und den diesbezüglichen Einschätzungen der schweizer Experten finden Sie hier im Blog im zweiten und dritten Teil dieser Serie. Ich wünsche Ihnen bis dahin einen guten Rutsch ins Neue Jahr und bedanke mich, insbesondere bei Ihnen liebe Abonnenten, für Ihr Interesse am Finanzmarketing-Blog.

Literatur zum Thema „Zukunft der Banken“:

Quelle: Studie Retail Banking 2020 von der Universität St. Gallen und Ernst & Young

Bildquellen: Alle Fotos: © Matthias Schubert (eigene Bilder), Paypal Icon: Findicons (CC-Lizenz)

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